Lothar Spree

Pekinger Protokoll – Beobachtungen einer Kristallisation (Teil II)

Pekinger Protokoll

Beobachtungen einer Kristallisation

von Lothar Spree

II. Auf grauen Straßen – Der Peking-Dreh

Soweit es aus terminlichen, räumlichen und finanziellen Gegebenheiten möglich war, wurden Planung und Ausführung des Projektes von den Studierenden des IKM kontinuierlich dokumentiert. Aber ein wesentlicher Teil dieser Arbeit musste natürlich sein, die Vorarbeiten der Künstler auch in China zu beobachten. Die Aufgabe, die Anfänge der Kunstwerke in Peking aufzunehmen, fiel mir als dem Repräsentanten des IKM und des Empowerment Programms in China zu. Wir wollten die Künstler, die ihre Werke für die Ausstellung in Kassel vorbereiteten, in ihren Studios und ihrem Alltagsleben besuchen.

Die Praxis des Empowerment Programms wurde zur Basis unserer Dokumentationsarbeit an der CAFA in Peking – erste Drehversuche an der CAFA, dann Einführung in die Produktionsabläufe für die Studierenden vom Arts Management Department. Zudem übernahmen CHEN Kuangdi von der CAFA und ZHANG MiaoMiao vom NAMOC die Produktionsleitung und Koordination. Unterstützung kam von Ma Gang, dem verantwortlichen Professor des Medien Departments, und seinen Studenten. Für die nächsten Tage und Wochen wurden wir ein kleines, kraftvolles Team, das Stunden im Pekinger Stauverkehr, auf endlosen Strassen, in zugigen Studios, und in den Suburbs von Song Zhuang oder Tongzhou verbrachte, und so manche erwarteten und unerwarteten Schwierigkeiten meisterte.

Peking ist ein Koloss – soviel man herum fährt, soviel man über die Stadt weiss, so nahe man ihren Falten und Lebenslinien auch kommt, es bleibt im tiefsten Sinne unübersichtlich. Ich versuchte die flache Endlosigkeit der Stadt mit meiner kleinen Kamera aus dem Autofenster festzuhalten. So streng sich die Eintönigkeit manchmal aufzudrängen schien, so minimalistisch radikal kam sie im Bild herüber – wenn nicht überwältigend, so doch hypnotisch. Wo lebten die Künstler, die wir suchten. Früher hätte ich gedacht, irgendwo am Puls der Stadt – aus NY oder Berlin würde man das kennen. 798 ist ein solcher Ort, dennoch aber auch ein gewisses Ghetto – ein Special Area für die Kunst, ein Experimentier-, nein vielleicht doch ein Exerzierfeld für die Kunst. Unversehens, aufwachend aus dem Schlummer der grauen Vorstädte, enden wir im Vorhof verlassener, heruntergekommener Industrieanlagen. Im bitter-melancholischen Ambiente des Ehemaligen haben sich heute die Ateliers und Studios, manchmal die Fertigungsstätten und Manufakturen der Künstler eingenistet.

Auf der grüngrauen Fläche der ländlichen Vor-Orte, weit draußen, die lehmfarbenen Verschachtelungen verlassener Fabriken, Skelette von Maschinen und Berge von Schutt und Schrott im Rembrandtschen Licht – zu Fuss erobern wir die Innenhöfe. Verstaubte Grosspflanzen und Plastikplanen, emotionslose Hunde, neugierige Migrantenarbeiter, – und die Kamera läuft, denn all dies gehört zur Ursuppe der Kunst, die Kontinente verbinden wird. Klein, kraftvoll, Energie und Vertrauen ausstrahlend, kommt MOU Baiyan aus seinem Studio hinter den Plastikfolien hervor. Insgesamt drei Orte „bespielt“ er in diesem Komplex, zur Zeit auch in den Räumen der andere Künstler, die hier ihre Studios erobert haben. Überall farbenfrohes Personal, in MOUs Fall beschäftigt mit ockerrotem Knetmaterial, das überall sich letztlich in dicke Männer verwandelt. Das ist MOUs Thema – ein dicker Mensch, der vor Wohlstand und Überfluss strotzend gesund aussieht, aber wohl doch nicht gesund ist. Überall in den Studios kleine und grosse Versionen von dicken nackten Männern, in ihr eigenes Fett gehüllt, oft in gymnastischen, akrobatischen oder gewagten Posen, über Mauern hängend, an Wänden hochkletternd, auf hohen Leitern balancierend, in Bewegungen gerollt – offensichtlich neugierig und experimentierfreudig. Stehen diese Dicken für die dicken Kinder der Prinzengeneration, oder für den neuen Wohlstand in China? MOU Baiyan: „China ist so ein Mann – er sieht ganz dick und lustig aus, ist aber eigentlich nicht gesund“.*1)

Weiter auf grauen Strassen – durch Chaoyang hinaus nach Shunyi oder gar Pinggu? Peking ist gross – endlich wieder eine verlassene Landstrasse, Betonwege zwischen alten und neuen Fabrikgebäuden. Ein Tor öffnet sich auf ein schickes schwarzes Auto – dies ist das Atelier von XU Junjie. An den Wänden grosse schwarzweisse Gemälde von Tauchern in dramatischem Licht. Auf feierlichen Pedestalen merkwürdige Taucherglocken, die Bedrohung und Sicherheit – Überlebenschance – zugleich symbolisieren. Die Erläuterungen kommen schnell und lebhaft von XU Junjie: Die Taucherhelme bewahren ein gefährdetes Leben unter höchstem Druck, unter jeder Aussenweltbedingung – und Kabel und Schläuche, wie Nabelschnüre, verbinden und versorgen. Ein Liebespaar in Taucherhelmen, eine Hochzeit, die auch unter Wasser stattfinden könnte. Gekonnte Maltechnik, sicherer Pinselstrich – aber auch technisch ausgeführte Skulpturen zum Thema. Zeichnungen und Skizzen auf dem Lichttisch mitten in der grossen Halle – und immer wieder das Auto, ganz unverschämt ein funkelnder Teil des Künstlerlebens, die Türen einladend aufgeklappt. Den klobigen Helmen werden schwarze Flecke aufgemalt – und schon assoziieren sie den Panda, das so überstrapazierte chinesische Maskottchen. XUs Arbeit entfaltet sich aber zu einem komplexen, mit Kommunikation, Ängsten und Sehnsüchten jonglierenden Wasserspiel – „Ich suche nach Dir“. XU Junjie ist da leichthin ambivalent: „Die Symbolik ist offen, man kann sie überall verstehen. Auch in Kassel“. Bei den Gesprächen, die ich von hinter der Kamera führe, erscheint XU Junjie, so jung und jungenhaft er ist, als ein gewitzter Geschäftsmann, der trotz des so deutlich ausgestellten bedrückenden Lebensgefühls, wach und beweglich Geschäfte mit Kunst und anderem macht – dafür steht das blitzblanke Auto. „Wenn der Druck zunimmt, sind die Helme die einzige Rettung. Sie scheinen schwer zu sein, dennoch bewegen sie sich leicht auf dem Wasser, kommunizieren mit einander, sind eine kleine Gemeinde von hoffnungsvollen Beschützern.“

XU Junjie

XU Junjie

Parlierend schlendern wir hinüber zum nächsten Fabrikkomplex, der in ein grosses, weiß strahlendes Museumsgebäude verwandelt wurde – das private, persönliche Museum von ZHANG Jin, dem traditionsbewussten Maler. Die Halle, leer bis auf ein Grandpiano, besteht aus – oder vielmehr atmet grosse Flächen von in Tusche gemalten Lotusstrukturen. Der Lotus mit dieser unbeschreibbaren Ästhetik seiner eigentümlichen, widerspenstigen Formensprache ist vielleicht das typischste Thema chinesischer Malerei – hier setzt es den ganzen Raum in eine sanfte, unausweichlich angenehme Stimmung – ein virtueller Lotusteich. XU Junjie beginnt auf dem Flügel zu spielen – und trotz der Musik geht es um Malerei, eindeutig. ZHANG Jins Malerei um die Lotus-Symbolik handelt wohl immer von der Essenz der Malerei, insbesondere der chinesischen. Im Untergrund dieser Riesengemälde spürt man die Energie einer Kalligraphie, die aus den Wurzeln und Blüten des Lotus zu erwachsen scheint. Deswegen auch Schwarzweiß als Anlehnung an Kalligraphie? ZHANG Jin versucht eine Erklärung: „Schwarz und Weiß symbolisieren auch das Wesen des Lotus – die Verbindung von Lotus (he hua) mit Frieden (he ping).“ – Alles Sichtbare schwingt zur Musik, auch unsere Fragen und Antworten – mit dem intensiv gleichmütigen Lesen der Malerei und der Musik könnten wir gern den ganzen Nachmittag verbringen.

Zhang Jin

Zhang Jin

 

Stattdessen eine andere endlose Strasse, ein anderer Tag, ein anderer Distrikt – Hochhäuser, ein verdichteter Suburb, irgendwo im 12. Stockwerk – die Tür öffnet sich auf einen etwas verschlafenen jungen Mann, BI Heng, dem wohl jüngsten Künstler in der Gruppe. Hinter ihm eine vor Sauberkeit funkelnde Kleinwohnung – lackiertes schwarzes Parkett, eine weisse Sitzbank entlang der Wand, überall gerahmte Bilder auf dem Boden abgestellt, Zeichnungen von dezenter Fremdheit, mechanisierte Roboter-Drachen. Auf einem Sideboard, im Plexiglaskasten wie im Museum, die historische Figur eines chinesischen Heldenkriegers oder Halbgottes, die Beine gespreizt, die Schwertlanze neben sich gestellt, furchteinflößend – vor seinen Füßen zwei, drei Handvoll von Münzen – auch ein Idol des Reichtums? „Das ist GuangYu, oder GuangGong, der grosse General der Han Dynastie, der Loyalität und Rechtschaffenheit repräsentiert“, erklärt BI Heng.

Die Sauberkeit der Wohnung ist, nach den wüsten Industriebrachen und den verstaubten Studios dort, ein unerwartetes Problem. Wir wagen uns kaum zu bewegen – und dann entdecken wir, dass GuangYu ein aus einem Militärlastwagen bestehender Transformer ist – BI Heng: „Das war der erste, in der eben gegründeten Republik China produzierte Militärtruck, von Mao Zedong bedeutungsvoll „Jiefang CA10“ benannt, was „Befreiung“ bedeutet“. Den entsprechenden Animationsfilm, der diese Transformation anschaulich zeigt, sehen wir im Schlafzimmer, wo BI Heng seinen Arbeitsplatz hat. Er ist recht patriotisch, sein Transformer ist sehr ernst gemeint. „LIN Zexu, ein Kämpfer gegen die Opiumpolitik der Engländer, lernte aus der Demütigung durch die Barbaren, dass man sie nur mit ihren eigenen Mitteln bekämpfen kann“. Der Transformer, eine japanische Idee, die in den USA zum Merchandise wurde, ist eine durch und durch symbolische, bedeutungsschwere Verkörperung dieser Gedanken – eine Popgestalt des Westens – nicht als Kopie, sondern neu auferstanden im Kampf um die Wiederentdeckung der chinesischen Kultur.

Unsere Begegnungen mit den Künstlern wurden, so schien es, immer intensiver. Ein anderes Hochhaus, ein labyrinthisch großes, modernes Apartment voller Kunst und Künstlern. Hier arbeitet MIAO Xiaochun mit einer Truppe von 3D-Animationsexperten an seinen magischen Bildern, Videos, Installationen und virtuellen Welten. Alle Wände sind zugestellt mit großen bunten Bildern, die modernste 3D-Visualisierungen von Renaissance- oder Barockgemälden Europas darstellen – MIAO Xiaochun kennt sich aus in der Geschichte der europäischen Malerei, er spricht deutsch nach seinem Studium in Kassel. Er führt unsere Kamera durch die Produktionsprozesse seiner unglaublich bilderreichen, an Surrealismus, Dadaismus, Hieronymus Bosch, Cartoons, Mangas, Pop- und Kunstgeschichte erinnernden Tableaus mit seinem digital vervielfältigtem Ich in weltumspannenden Räumen. Hier scheint der Diskurs über Beziehungen zwischen östlicher und westlicher Kunst und Kunstgeschichte sozusagen bewusstseinserweitert oder fast psychedelisch zelebriert – oder doch, manchmal, karikiert? Philosophische Gespräche entstehen vor der Kamera, über Renaissance – Auferstehung – Heroismus, Selbstbilder und Gottesbilder. In all den unglaublichen dreidimensionalen Konstrukten der Filme Miao Xiaochuns leuchten immer wieder chemische und molekulare Prozesse auf – Vervielfältigungen, Reihungen, Ketten, Verkantungen, Brechungen, Spiegelungen, Reflexionen . . . , und wieder werden wir an das Kristalline des ganzen Projektes erinnert.

1) Alle Zitate in freier Übersetzung aus den Gesprächen mit den Künstlern.

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