Lothar Spree

Pekinger Protokoll – Beobachtungen einer Kristallisation (Teil I)

Pekinger Protokoll

Beobachtungen einer Kristallisation

von Lothar Spree

I. Die Fluchten der Aue – Distant Learning

Wenn sich so weit von einander entfernte Institutionen zusammen tun, wie es für die Kasseler Ausstellung „Chinese Public Art – Alles unter dem Himmel gehört allen“ geschah, so entsteht eine prekäre Konstellation von Elementen, die nur in genau bestimmten Beziehungen zueinander tragfähig wird. Die Berührungspunkte, verbindenden Linien, Flächen, Winkel und Kanten müssen wie in einem wissenschaftlichen Experiment sorgfältig aufeinander abgestimmt werden, damit sie sich sicher miteinander verbinden können – die Verbindung wächst wie eine kristalline Struktur von grossem Seltenheitswert. So kann man mit der Terminologie eines Kristallographen dieses Unternehmen beschreiben – die Chemie, die abläuft zwischen diesen Elementen, die delikaten Platzanweisungen für jedes Atom, die Anordnung der Moleküle zu Winkelreihen und Kantenbrüchen, an denen sich der Charakter jedes Elementes ablesen lässt, ergeben letztlich eine ganz bestimmte, tragfähige Kristallform, die funkelt und reflektiert – und strahlt. So kam mir das Projekt der ersten großen Ausstellung von chinesischer öffentlicher Kunst vor, das im Rahmen des deutsch-chinesischen Kulturjahres geplant wurde. Es ist ein großes Experiment, dessen Verlauf – die Entstehung eines Wunders – sorgfältig beobachtet, analysiert, dokumentiert und protokolliert werden muss.

Die Grundelemente, die sich hier zusammen taten – das National Art Museum of China, Peking (NAMOC), die School of Humanities der Central Academy of Fine Arts, Peking (CAFA), das Institut für Kultur- und Medienmanagement, Freie Universität Berlin (IKM/FU), und die Stadt Kassel – folgten einer Choreographie, die unbekannt, unerprobt und nicht ohne Risiko war. Ein grosses Wagnis, wie man es in unseren Kreisen immer wieder liebt – schliesslich ist so ein Unterfangen Essenz und Modell unserer Berufe im Feld der Kultur und Kunst. So schien es logisch, dass dem IKM/FU Empowerment Studienprogramm die Aufgabe zufiel, mit den Mitteln der Medien – Fotografie, Ton, Video, Film – die Entstehungsgeschichte dieser Ausstellung ausführlich und anschaulich zu protokollieren – in Form eines Dokumentarfilmprojektes auf der Höhe der Zeit.

Das Empowerment Programm des IKM hat das Ziel, den Studenten die technischen, ästhetischen, künstlerischen Parameter filmischer und digitaler Medien zu vermitteln, ihnen also zeitgemässe Medienkompetenz und –ausdrucksfähigkeit zu lehren, und sie zu befähigen, dieses Wissen wiederum an Schüler und andere weiter zu geben. Ein wichtiges Ziel ist dabei, nicht nur die üblichen technischen und formalen Aspekte zu vermitteln, sondern inhaltliche und vor allem künstlerische Qualitäten zu fördern. Insofern war die Aufgabe, die Ausstellung über Public Art zu dokumentieren, in doppelter Hinsicht eine willkommene Herausforderung an die Studenten: das Management von Kunst, die interkulturelle Rolle der Kunst, die Kunst und die Künstler selbst mit künstlerischen Mitteln zu begleiten.

Die erste mediale Aufgabe, sozusagen für die Fernaufklärung, war die Darstellung der Ausstellungsorte in der Stadt Kassel für die Künstler in China. Die Assoziationen zwischen der Geschichte der Stadt und den zu erwartenden Kunstwerken wurde damit schon weit im Vorfeld instigiert – eine einstündige Dokumentation mit Tableaus der Stadtansichten, Panoramen der Standtorte für die Skulpturen und Rundumschwenks durch die Stadt entfaltete ihren eigenen, minimalistischen Reiz. Diese Dokumentation wurde zur Basis für die ersten Entwürfe der chinesischen Künstler, die mithilfe dieser anschaulichen Orts- und Geschichtsbeschreibung detaillierte, location-based Konzepte und Ideen entwickeln konnten.

Auch dieser Versuch hatte seine interessante, wissenschaftlich anmutende Seite – Probleme der Darstellung in der Kunst sind ein spannendes Dauerthema. Wie vermittelt sich die Wirklichkeit in den Medien, wie kann man „Realismus herstellen“, wie kann man komplexe Zusammenhänge anschaulich – und dennoch theoretisch solide – medial vermitteln. Diese Darstellung des virtuellen Kassel, sozusagen aufbereitet für distant learning, gewann jedenfalls eine künstlerische Qualität – und zudem eine historische Dimension, die erst in weiterer Zukunft zunehmend spannend werden wird.

Beim ersten Besuch der Künstler in der Stadt Kassel hatten daher die meisten von ihnen schon eine Vorstellung der Orte und der Gegebenheiten, in denen ihre Arbeiten erwartet wurden. Es bestand grosses Interesse an der doch recht unvorstellbaren Vergangenheit Kassels – der ehemals ausgebombten Stadt, in der kaum noch Narben sichtbar sind. Dafür aber bringen die geometrische Optik und spielerischen Reflexionswinkel der barocken Gärten, die Fluchten der Aue, die Kaskaden oder die sog. Vexierwassergrotte unterhalb des Oktogons des Herkules wieder Begriffe der Kristallographie in unsere Methodologie. Aber unsere Studentenkameramänner und -frauen beobachteten die chinesischen Künstler auch beim Wurstkauf, beim Schweinshaxenessen – Exotismus einmal anders herum.

Letztlich zeigte sich, dass eine enorme Sensibilität für diese Reflexionen zwischen Ort, Geschichte und fremdem Blick entwickelt wurde – in der fertigen Ausstellung später wies so manches Werk Tiefe und Komplexität von Verständnis für die Stadt und ihre Geschichte auf, die überraschten – und nicht zuletzt auf unsere Medienarbeit zurückzuführen waren. Dennoch – das eigentliche dokumentarische Projekt stand uns zu jener Zeit noch bevor.

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Lothar Spree wurde an der berühmten Hochschule für Gestaltung Ulm, legendäre Nachfolgerin des Bauhauses, in Visueller Kommunikation und Filmgestaltung ausgebildet. Nach Studium, Lehre und Filmproduktionen in Deutschland, Canada und USA produzierte er über hundert Filme und Fernsehprogramme für das Europäische Fernsehen und gewann viele Auszeichnungen als Dokumentarfilmer. Während er viele Kulturdokumentationen für ZDF, ARD, arte, ORF etc. produzierte, verstärkte er seit 1992 sein akademisches Engagement für die Ausbildung zur Kreativität, experimentierte und forschte in Medienkunst, und gründete diverse Film- und Medienabteilungen an Hochschulen in Europa (HfG Karlsruhe, ZKM Karlsruhe, hfg-of_main Offenbach am Main, EIKK European Film Institute Karlsruhe u.a.). Seit 2003 erhielt er einen Ruf nach China und gründete dort Film, Media Design und Media Art Abteilungen an der Tongji Universität Shanghai. Seit 2011 ist er Mitglied des Direktoriums der BMPS BerlinMediaProfessionalSchool, wo ihm die künstlerische Leitung des Empowerment Programms des IKM Instituts für Kultur- und Medien Mangement der Freien Universität Berlin obliegt.

In dieser Funktion leitete er auch das Dokumentarfilmprojekt zur Kasseler Ausstellung ALLES UNTER DEM HIMMEL GEHÖRT ALLEN, koordinierte das Produktionsteam der IKM Studenten und übernahm selbst die Kameraarbeit in Beijing und Shanghai.

Prof. Lothar Spree

Prof. Lothar Spree

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