Ausstellung

Außenansichten

Was Ausstellungen im öffentlichen Stadtraum so spannend macht, ist, dass man nicht umhin kommt, sich mit ihnen auseinander zu setzen. Bereits beim Aufbau und teilweise sogar an der Schöpfung des Kunstwerkes selbst können diejenigen teilnehmen, die die Exponate auch betrachten sollen, sobald sie fertig installiert sind. Während hinter verschlossenen Museumstüren und verklebten Galeriefenstern auf den Überraschungsmoment am Abend einer Vernissage gesetzt wird, ziehen Ausstellungen unter freiem Himmel ihre Aufmerksamkeit bereits auf sich, wenn die Trucks mit den Containern durch die Stadt rollen, und die zumeist riesigen Kisten entladen werden, in denen sich die einzelnen Elemente befinden, die kurze Zeit später zu Kunstwerken zusammengesetzt werden.

Vierzehn solcher Container rollten in den Tagen nach dem Ende der dOCUMENTA (13) durch Kassels Innenstadt, unzählige Holzkisten wurden Mitte September hinter der Neuen Galerie abgeladen und auf dem Friedrichsplatz deponiert, Gabelstapler waren emsig unterwegs und Kräne rotierten tagelang in der Stadtmitte, am Weinberg, in der Aue und am Fuldaufer. Die Einzelteile der Kunstwerke ließen eine Ahnung, jedoch keine Erkenntnis zu: An der Treppenstraße lagen Reifen und grün lackierte Autoteile, auf dem Friedrichsplatz standen achtzig matt silbrig glänzende Module mit symmetrisch angeordneten Steckvorrichtungen, hinzu kamen mehrere Paletten Ziegelsteine, schließlich noch rot lackierte Bögen aus Metall, die erst am Opernplatz lagerten, um schließlich aber doch noch zum Friedrichsplatz zu wandern. Am Weinberg wurde eine Grube ausgehoben und mit Zement ausgegossen, vor der Neuen Galerie steckten an die zweihundert rot-gelbe, mit Zahlen versehene Papierfähnchen im Rasen und überall standen diese zahllosen hellen Holzkisten unterschiedlichster Größe herum. Niemand kam umhin sich zu fragen, was hier los sei, und viele fragten uns.

Unter Anleitung der Kuratoren Prof. Dr. Klaus Siebenhaar und Prof. Dr. YU Ding unterstützten wir – fünf Studierende des Instituts für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin – die chinesischen Partner während der Aufbauzeit. In enger Zusammenarbeit mit der Kasseler Stadtverwaltung halfen wir, chinesische Künstlerteams mit deutschen Handwerkern, Arbeitern und Technikern zu koordinieren und erhielten dabei Einblicke in die komplexen logistischen Abläufe, die ein Grenzen überschreitendes Kunstprojekts so mit sich bringt. Vor allem aberwaren wir vor Ort und bauten mit auf. Wir brachten in einem Schlauchboot der Feuerwehr die 26 Pandahelme im Hirschgraben auf ihre endgültige Position, wir kletterten auf Baugerüsten herum, lackierten den Garten der Seele, polierten den Garten der Erlösung, fuhren im Hubwagen und trieben knapp zwei Wochen mit unseren aus Berlin zu Hilfe eilenden Studienkolleginnen und -kollegen mehr als zehn Stunden täglich – lotrecht, plangenau und jeweils in einem Abstand von exakt 40 Zentimetern zueinander – die 1.490 Sockel von ZHU Peis Yi-Garten in den Rasen vor der Neuen Galerie. Spaziergänger, die die milden Spätsommertage genossen, blieben stehen, schauten beim Abmessen zu, lauschten den Hammerschlägen, und schließlich übermannte fast jeden von ihnen die Neugier: Was denn hier entstehen würde? Ob das ein Feuerwerk sei? Das hätte jetzt aber nichts mehr mit der documenta zu tun, oder doch?

Unsere Antwort löste die Fragezeichen in vielen Gesichtern: Von dem Projekt hatten die meisten gerade erst in der Zeitung gelesen, aber nicht damit gerechnet, dass der Aufbau schon in vollem Gange sei.

Ganz bewusst wurde die Ankündigung erst nach dem Ende der dOCUMENTA (13), und damit sehr kurzfristig, in den Medien platziert: Die Ausstellung sollte als eigenständiges Ereignis und wesentlicher Programmpunkt des chinesischen Kulturjahres, das 2012 anlässlich des vierzigjährigen Bestehens diplomatischer Beziehungen mit China in zahlreichen deutschen Städten begangen wurde, wahrgenommen werden, und nicht als Konkurrenz oder Gegenentwurf zu der internationalen, alle fünf Jahre stattfindenden Kunstausstellung.

Und so hatte der nahtlose Übergang von der einen Ausstellung mit Kunstwerken im öffentlichen Raum zu der anderen so manchen überrascht und nicht jeden erfreut: Bereits bevor die Liste der ausgewählten Künstler bekannt gegeben wurde, regte sich erster Widerstand in Kassel – das viele als Stadt des Konzeptkünstlers Ai Weiwei begreifen –, und auch im Internet hagelte es erst einmal vor allem Kritik. Auf unserer frisch installierten Facebook-Seite wurde kommentiert, noch ehe überhaupt Inhalt generiert worden war; alles entzündete sich an einer vermuteten einseitigen Auswahl der Künstler, sprich: am Nichtdabeisein Ai Weiweis, dessen Schicksal emblematisch für einen Umgang mit Menschen steht, der mit westlichem und demokratischem Verständnis von Recht und Freiheit nicht in Einklang zu bringen ist. Unsere Befürchtung, die sorgsam installierten Sockel von ZHU Peis Lichtinstallation wieder aus dem Boden ziehen zu müssen, noch bevor sie überhaupt einmal geleuchtet hätten, bewahrheitete sich jedoch nicht. Keine Kritik, wie sie online geäußert wurde, erreichte uns an den Baustellen. Im direkten Kontakt mit den Kasseler Bürgern überwogen Neugier und Wohlwollen, oft auch Freude an dem Gegenständlichen und konkret Lesbaren, das hier entstand, oder einfach am Dekorativen, das viele der chinesischen Objekte charakterisiert. Kritische Nachfragen gab es natürlich ebenso, die Bedenken entzündeten sich jedoch auch hier selten an den Kunstwerken selbst, sondern zumeist an der Frage, ob und inwieweit die chinesische Regierung Einfluss auf die Auswahl der Künstler genommen hat. Unsere Antwort, dass ein deutsch-chinesischen Kuratorenteam die Liste der beteiligten Künstler hervorgebracht hätte, und Positionen vertreten seien, die in China noch immer an Tabus rüttelten, wurde von dem Einen oder Anderen als naiv belächelt: Die Tatsache, dass die Ausstellung komplett von der chinesischen Regierung und einer chinesischen Staatsbank – und somit mittelbar auch von staatlicher Seite – finanziert sei, würde doch alles erklären und keine Fragen offen lassen.

Sogenannter Staatskunst haftet stets ein Dünkel an und ihr wird schnell abgesprochen, trotzdem künstlerisch wertvoll sein zu können. Wir im Deutschland der Nachwendezeit kennen diese Haltung in Bezug auf die Einschätzung der Kunst des sozialistischen Realismus‘, die an vielen öffentlichen Plätzen in den neuen Bundesländern gedankenlos abgebaut oder vernichtet worden ist, ohne ihren künstlerischen oder (kunst-)historischen Wert noch einmal zu reflektieren.

Dass den in Kassel präsentierten chinesischen Kunstwerken – die in einigen Online-Kommentaren pauschalisierend als kunstgewerblich oder schlichtweg als Kitsch tituliert wurden – auch Gesellschaftskritisches innewohnt, erschloss sich vielen Besuchern erst auf den zweiten Blick oder bedurfte zusätzlicher Hinweise, die auf den aufgestellten Informationstafeln nur angerissen werden konnten. Aufgrund der vielen Nachfragen und Impulse, die uns beim Aufbau erreichten, entschieden wir uns, jeden Monat für ein Wochenende aus Berlin anzureisen und Führungen anzubieten. Angelehnt an den Ausstellungstitel „Alles unter dem Himmel gehört allen“ sollten auch die Rundgänge jedermann zugänglich und somit selbstredend kostenfrei sein. Die Resonanz erstaunte uns: Jede der Führungen war ausgebucht, so dass wir zusätzliche Termine anbieten mussten. Knapp 500 Menschen meldeten sich an, niemand sollte abgewiesen, einige mussten jedoch auf den Folgemonat vertröstet werden:Ehepaare, Familien, Damenkränzchen oder ganze Vereins- und Seminargruppen, aber auch interessierte Einzelpersonen kamen, vielfach mit großen Kameras ausgestattet. Die Altersspanne umfasste mindestens 70 Jahre und ebenso breit gefächert war der soziale Hintergrund der Besucher. Selbst heftigstes Schneetreiben und klirrende Kälte hielten in den Wintermonaten kaum jemanden, der sich angemeldet hatte, von dem anderthalb- bis zweistündigen Spaziergang ab, der an elf der zwanzig Kunstwerke entlang führte. Die Interaktion mit den Teilnehmern brachte überraschende Erkenntnisse und neue Zusammenhänge ans Licht, Anekdoten wurden geboren und kritische Anmerkungen gemacht.

So manch einer lachte herzhaft, als die Frage im Raum stand, was wohl Obelix zu dem Hinkelsteinplagiat sagen würde, das am oberen Ende der Treppenstraße seinen Platz gefunden hatte. Ebenso amüsierte der Kommentar eines Besuchers, die Ameisen, die in Kampfstellung die Treppenstraße aufwärts liefen, zögen gegen das McDonalds-Schild zu Felde, um gegen ungesunde Ernährungsweisen anzukämpfen. Umso überraschter waren viele – angesichts des dicken Manns auf der Leiter – zu erfahren, dass mittlerweile jeder fünfte krankhaft fettleibige Mensch auf der Welt Chinese ist. Ebenfalls erstaunte die Friedens- und Glückssymbolik des martialisch anmutenden Transformers. Einige überraschte die Tatsache, dass die Logos am Karussellfries kein Sponsorenreigen seien, und eine Teilnehmerin entdeckte die geometrischen Grundformen Kreis und Viereck, die GUAN Huaibins Garten der Erlösung bestimmen, in der Architektur des benachbarten Staatstheaters wieder. Historische Bezüge stellte eine Besucherin bei den Sonnenblumen auf dem Friedrichsplatz her: Das Motiv des „In Reihe und Glied Stehens“, das durch die in verschiedene Richtungen weisenden Köpfe der Blumen gebrochen wird, bezog sie sowohl auf die Situation der Generation von Chinesen, die die Kulturrevolution erlebten, als auch auf die ehemalige Funktion des Friedrichsplatzes als Exerzier- und Paradeplatz zu Zeiten des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus.

Die Kunstwerke strebten – vor allem auf der historischen, aber auch auf interkultureller Ebene – einen Dialog mit der Stadt an und luden die Kasseler zum Dialog ein, der auf den Führungen zu anregenden Diskussionen und auf beiden Seiten neuen Erkenntnissen, durchaus gesellschaftskritischen, andererseits aber auch systembefürwortenden Interpretationen führte. Anlass zu Spekulationen boten vor allem die beiden Löwen vor dem Rathaus: Begreift man den Löwen als Symbol für den Staat und die Ameisen als das Volk, wird dann der Löwe durch die Ameisen getragen und gestützt, oder höhlen die Ameisen das Fundament, auf dem der Löwe ruht, aus, um ihn letztendlich zu stürzen? Beide Deutungen wurden uns schon während des Aufbaus von Passanten zugetragen, und beide fanden Zuspruch unter den Besuchern der Führungen.

Von Kindern wurden die Exponate indes vor allem mit spielerischer Begeisterung angenommen. Noch am sonnigen Eröffnungswochenende konnten wir beobachten, wie Kinder in schwindelerregender Höhe auf BI Hengs Transformer herumkletterten, wie auf den Ölmonstern von WANG Mais Wetterstation geritten wurde und wie sich dicke Kinder zwischen die Stangen der Sonnenblumen auf dem Friedrichsplatz klemmten. An den warmen Herbstabenden im Oktober und November wurde das Holzhaus von XIANG Yang zum jugendlichen Partyraum – die Müllansammlungen an den Morgen danach lieferten eindeutige Beweise. Doch auch Erwachsene hatten ihre diebische Freude an den Kunstwerken: WU Jian’ans Steckfiguren, die mancher Bürger als so obszön empfand, dass er telefonisch bei der Stadtverwaltung den sofortigen Abbau forderte, verschwanden auch ohne städtische Maßnahmen in größerer Zahl nach und nach vom Weinberg und werden in einigen Jahren vielleicht in Kasseler Schrebergärten wieder auftauchen. So manche Ameise auf der Treppenstraße oder vor dem Rathaus verlor ihr Hinterteil bei dem nächtlichen Versuch, sie von den Spiegelplatten, auf denen sie festgeschweißt waren, zu lösen.

Neben unerfreulichem Vandalismus, der bei frei zugänglichen Kunstwerken leider nie auszuschließen ist, überraschte uns die zunehmende Präsenz der Kunstwerke auf den Titelbildern von Facebook-Usern, in Flickr-Alben oder auf anderen Internetseiten. Vom beiläufigen Schnappschuss bis hin zu aufwändigen künstlerischen Auseinandersetzungen mit den Objekten: Nahezu sämtliche Kunstwerke wurden zur Gänze oder mit raffinierten Details multimedial, mit Fantasie und in großer Zahl präsentiert, dass wir uns entschieden, auf unserer Facebook-Seite diese Ansichten gebündelt in einem Besucher-Album vorzustellen. Die glanzpolierten Oberflächen des Fallenden Steins und die der Figuren im Prinzessgarten, die nächtliche Beleuchtung des Yi-Gartens sowie die Pandahelme mit Herbstlaub umkränzt oder von Schnee bedeckt: Die Fotos der Besucher sind digitale Zeugnisse einer hochgradig positivenResonanz auf die Ausstellung.

Link zum Fotoalbum mit den schönsten Bildern unserer Besucher: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.381993505214071.91865.332876186792470&type=3

 (von Marc Lippuner)

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